Wurzelkraft

In einem Wald stand ein kleiner Tannenbaum zwischen lauter Riesen. „Winzling“ nannten die Riesen ihn und lachten ihn aus, wenn er sich vergeblich streckte, um nur einmal ein Stück Himmel zu sehen.

„Mach Platz“… zeterte ein Farnstock, der neben ihm stand, sich ausbreitete und seine Blätter ausrollte. Der kleine Tannenbaum verschwand immer mehr im Schatten. „Ich werde untergehen in diesem Wald voller Riesen“, dachte er.

Doch da erschien auf einmal ein kleines Licht in der Dunkelheit. „Warum bist Du so traurig?“ fragte das Licht. „Ich möchte gross werden, und auch endlich einmal den Himmel sehen. Ach hätte ich Flügel wie die Vögel, die mir vom Himmel erzählen.“ „Du brauchts keine Flügel“, flüsterte das kleine Licht. „Du hast Wurzeln“. Mit diesen Worten verschwand das Licht und es wurde wieder dunkel. Wie zuvor lachten die Riesen über „Winzling“, und der Farnstock hörte nicht auf zu wachsen. „Ich habe Wurzeln!“ sagte sich der kleine Tannenbaum – und er spürte sie zum ersten Mal. Sie begannen sich zu regen, und bald krochen sie in alle Richtungen, um ihren Weg zu finden. Der Boden, die Knollen und Steine mussten weichen. Sogar eine Maus machte sich erschrocken davon. Winzling richtete seine Gedanken nicht mehr zum Himmel, sondern tief in die Erde - beschäftigt, seine Wurzeln auszubreiten. Er nahm kaum wahr, wie der Herbst ins Land zog, wie ein Sturm die Kronen der Riesen zerzauste, wie der erste Frost die Blätter des Farnstocks lähmte und von seiner Pracht nichts mehr übrig liess, als ein hässlicher brauner Strunk. „Winzling“ wurde nicht nur grösser, sondern auch stärker. Um seine Wipfel bildete sich Jahr für Jahr ein neuer Kranz von Ästen. Und als er eines Tages den Blick wieder nach oben richtete, sah er erstaunt den Himmel und die Sonne mit ihrem Licht.

  

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